Redebeiträge Teil 1

Redebeitrag der Antifa RAR zur Antifa-Demo in Mönchengladbach vom 17.6.2006

Was die Deutschen auf dem Weg zur neuen Identität und schwungvollem Patriotismus sowie ungebrochenem Standort Nationalismus am meisten zu stören scheint, ist der Holocaust. Die Relativierungsdebatten, Trümmerromane und Vertreibungsgeschichten sind quer durch die gesamte deutsche Medienlandschaft bis hin zur Familienfeier bei Opa Fritz und Oma Erna ein willkommenes Thema. So freut es den Geschichtslehrer, wenn er vor seinen SchülerInnen Wolfgang Ignées (Stuttgarter Zeitung) zitieren darf, „dass eine ‚unbefangene jüngere Generation’ inzwischen Abschied von der These der Kollektivschuld nehme und beginne, ‚die Historie differenzierter zu sehen’.“ (zit. nach Hage, Volker in Der Spiegel 06. 04. 02)
Als „undifferenziert“ wird hier eine sozialpsychologische Herangehensweise, also die kollektive Betrachtung der Tat verklärt. Diese ist jedoch angesichts der Tatsache, dass gerade der deutsche Antisemitismus ein psychopathologisches Massenphänomen oder eine Massenpsychose ist, eine unumgängliche Notwendigkeit. Die Massen- bzw. Sozialpsychologie untersucht die Vorgänge, die im einzelnen Menschen vorgehen, insofern er einem Kollektiv angehört, in dem er die psychischen Merkmale aufweist, die mit dem Großteil der Menschen dieses Kollektivs übereinstimmen. Eine solche Übereinstimmung kann z.B. aus der Identifikation mit einer Werte- und Kulturgemeinschaft, wie sie eine Nation darstellt, resultieren und ist sozialisationsbedingt. Insofern kann eine tiefenpsychologische Untersuchung eines Kollektivs geleistet werden, der auch alle psychoanalytischen Begrifflichkeiten immanent sind.
Eben diese Herangehensweise muss mit einer Kritik an der bürgerlich-kapitalistischen Vergesellschaftung und deren Formen der abstrakten Kollektivierung verbunden werden, um eine aussagekräftige Analyse von Rassismus und insbesondere dem Antisemitismus zu gewährleisten. Hieran also wird deutlich, dass die Forderung nach einer Partikularisierung der deutschen Schuldfrage und der „Abschied von der Kollektivschuld“ bereits eine Relativierung ist. Diese geht aus der unbewussten Ahnung der Deutschen hervor, dass eine weittragende Kritik nicht ohne die eben skizzierte sozialpsychologische Sichtweise zu leisten ist.
Noch immer haben wir die Bilder der jubelnden und tobenden Massen vor Augen, die sich bis in den Tod hinein libidinös an den Führer binden wollen und diesen als ihr Ideal ansehen. Das nazistische Subjekt introjiziert einerseits den Führer in seinem Über-Ich und identifiziert sich andererseits mit seinen Volksgenossen, wodurch eine wechselseitige Suggestion von Führer und Gemeinschaft entsteht, die zu einer entfesselten Massenhysterie entflammt. In dieser lähmt sich jede Vernunft. Die Subjekte übertragen die narzisstische Eigenliebe von sich selbst auf die anderen Mitglieder des Kollektivs und den Führer. Somit verschmelzen sie und werden zu einem einzigen Massensubjekt.
In der Hoffnung auf die Abwendung der –dem Kapitalismus immanenten- Krise beginnt die barbarische Massenmobilisierung gegen innere und äußere Feinde des Kollektivs. Die Massenentfachung der antisemitischen Projektion, in letzter Instanz die Vernichtung, lässt den Schein der Aufhebung der Krise erwecken. Die Bevölkerung verschmilzt mit dem Staat, die Öffentliche- mit der Privatsphäre. Überall und zu jeder Zeit exzessiert die Volksgemeinschaft die barbarische Krisenbewältigung.
Einmal angefangen lässt sie sich nicht stoppen, denn „[d]ie Volksgemeinschaft funktioniert nach dem Muster der Bandendisziplin, die nicht auf geschriebenen Gesetzen beruht, sondern auf der Kooperation all jener, die schon genug Dreck am Stecken haben und durch ihre Tat bewiesen haben, daß sie dicht halten und im Zweifelsfall sich mit Haut und Haar opfern werden.“ (Nachtmann) Somit muss die Frage nach der Schuld der nationalsozialistischen Subjekte an der grausamen Tat gemessen werden, die das Kollektiv begangen hat und nicht an der Funktion der einzelnen in der Volksgemeinschaft.
Die einzige Konsequenz aus dem Holocaust und einzig wirkungsvolle „Entnazifizierung“ wäre die Delegitimation des territorialen und ideologischen Projekts Deutschlands. Durch die Aufrechterhaltung des alten Identifizierungsobjekts war es den nazistischen Subjekten möglich, die Sehnsucht nach der Volksgemeinschaft zu konservieren. Ohne mit der Identität des „eigenen Vaterlandes“ brechen zu müssen, kann der Nationalsozialismus in dem – mit dem Staat verschmolzenen – Volk in die Nachkriegsära eingehen und sich im Postnazismus entladen. Die Forderung nach Demokratie bedeutet im postnazistischen Deutschland die Aufforderung zum Amoklauf, denn „der Adressat dieser [Forderung] ist nicht mehr das liberale Subjekt früherer Zeiten, sondern das faschisierte Subjekt, dem die Relativierung eigener Interessen an staatspolitischen Notwendigkeiten, die eigenverantwortliche Entindividuierung zur spontanen zweiten Natur geworden ist“. (Grigat)
Durch die Tabuisierung des offenen Antisemitismus durch die Shoah, kann die tödliche Mischung aus Unterwerfung und Aufruhe nicht -wie bisher- sich an Juden entladen, sondern muss auf „Politbonzen“, „Sozialschmarotzern“ und allen anderen „Parasiten“ oder „volksfremden Mächten“ kanalisiert werden. Diese werden, laut Adorno, zum „gerade greifbaren Ersatz für das eigentliche Hassobjekt, die Juden.“
Der zweite Weltkrieg und der Holocaust führten zu einem kollektiven Trauma, das ebenso kollektiv verarbeitet wird. In den Büchern und Filmen hat der SS-Mann und die KZ-Aufseherin genügend Platz um sich in den zahlreichen Rollen der „guten Deutschen“ oder „deutschen Opfer“ wieder zu finden und jegliche Schuld zu relativieren in dem sie auf das eigene Leid und Opferdasein verweisen. Und wenn die Linke Seite der „privatisierten Volksgemeinschaft“ auch im Opferbrei mitmischen will, dann wird schnell Palästina zum KZ umdeklariert und George W. ein Hitler angehängt.
Da die Opferrolle zwangsläufig auch eines Täters bedarf, wird dieser in den alliierten SoldatInnen wieder gefunden. Aus dem Dresdener Kollateralschaden wird ein „Kriegsverbrechen“ oder sogar „Bombenholocaust“ gemacht. Ohne mit der deutschen Identität zu brechen, können die alliierten Offensiven nicht als das gesehen werden was sie waren – nämlich die einzige Möglichkeit dem barbarischen Treiben ein Ende zu bereiten.
Daraus ergibt sich die einzige Konsequenz, dem deutschen Relativierungswahn entgegenzutreten und unmissverständlich klarzumachen, dass deutsche Täter/-innen keine Opfer sind, dass das „wütende Kollektiv“ mit der pathologischen Krisenbewältigung die barbarische Realität kapitalistischer Destruktion bis ins unermessliche pervertierte und mit den Gräueltaten einen Zivilisationsbruch ohne gleichen begangen hat.

Nieder mit der Volksgemeinschaft,
nieder mit Deutschland!