Aufruf zur antifaschistischen Demonstration in Mönchengladbach am 17.06.2006

Entnazifizierung vorantreiben – Deutschland auflösen

Wenn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hier mit der Illusion, über die Nationalität und über alle wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingesteht. Karl Marx (Die deutsche Ideologie)

Mit dem 8. Mai 1945 endete zwar die Staatlichkeit des deutschen Nazismus, die fast komplett Europa in Schutt und Asche legte und die in ihrer Grausamkeit wohl nie zu fassen sein wird, jedoch existiert die Ideologie, welche Auschwitz erst ermöglichte, fort.
In den zwölf Jahren des sog. „Dritten Reiches“ wurden Millionen Menschen, die nach den Nürnberger Rassengesetzen als Juden klassifiziert wurden, industriell vernichtet. Diese Vernichtung folgte keineswegs, wie auch heute noch oft behauptet wird, ökonomischen Interessen. Sie war Mittel und Zweck zugleich: die Vernichtung von Millionen Menschen um deren Vernichtung willen. Diese Barbarei, welche ganz eindeutig auf Antisemitismus fußte, war ein Projekt, dass sich beim deutschen Volk, wenn nicht Beteiligung oder Zustimmung, so doch auf jeden Fall „dumpfer und ängstlicher Gleichgültigkeit“(Adorno) erfreuen konnte und macht unabhängig vom deutschen Aggressionskrieg und darüber hinaus, den Schrecken der deutschen Beteiligung am 20. Jahrhundert aus.
Doch endete leider mit der faktischen Niederlage der deutschen Nationalsozialisten nicht die Fortexistenz ihrer Ideologie und somit auch nicht die Gefahr eines Rückfalls in die Barbarei.
Deutschlands staatliche Konstitution war schon antiliberal gegen die, unter anderem in Frankreich und England entstehenden bürgerlichen Gesellschaften ausgerichtet und stellte diesen das Modell einer auf Blut und Boden ausgerichteten Gemeinschaft entgegen.
Unter anderem auf diese Gemeinschaft baute der Nationalsozialismus auf und die deutsche Volksgemeinschaft rettete sich auch über diesen hinaus. So zählt das Streben nach dem Erhalt der „naturwüchsigen“ Gemeinschaft neben der Forderung eines starken Staates, der die Gemeinschaft vor den Schwankungen der Ökonomie schützen solle zu den beständigsten Fragmenten des deutschen Selbstverständnisses. Diese Selbst-kollektivierung lief von Beginn an unter einer antisemitischen Konotierung, nämlich im Rahmen der Unterteilung in „schaffende“ deutsche und „raffende“ jüdische, bzw. „anglo-amerikanische“ Arbeit und in Abgrenzung gegen angebliche Gemeinschaftsfremde.

Deutschland im Wandel?

Zwar fand mit der Besatzung Deutschlands durch die Alliierten eine Auswechslung der Nazi-Eliten durch Antifaschisten statt, doch es kam im Rahmen des Entnazifizierungs-Programms nur zu 180.00 Festnahmen, von denen mehr als die Hälfte schon nach kurzer Zeit wider rückgängig gemacht wurden. Insgesamt kam es nur zur Verurteilung von ca. 6.000 NS-Tätern und die meisten von ihnen erhielten nur geringe Geld- oder Haftstrafen. In Anbetracht der Tatsache, dass sich allein in der SS mindestens 1 Millionen Menschen befanden, kann man, auch was die personelle Entnazifizierung angeht, von ganz klaren Defiziten sprechen.
Zu dem erfreute sich in der Sowjet Union die Theorie, dass es sich beim Faschismus lediglich um eine Verschwörung des Monopolkapitals handle, großer Beliebtheit und der Blick viel somit sehr schnell von den deutschen Massen ab, die den Nazifaschismus erst ermöglichten. So wurde mit der Deklarierung der DDR als antifaschistisch auch deren Bevölkerung zu Antifaschistinnen und Antifaschisten „transformiert“ und deren Taten fast komplett marginalisiert.
Eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem NS und seiner Ideologie konnte natürlich gar nicht stattfinden, da die Ideologie ja ansonsten als solche entlarvt worden wäre und die Forderung nach der Überwindung der kapitalistischen Unmündigkeit direkte Konsequenz hätte sein müssen.
Natürlich gab es Versuche die deutsche Ideologie zu analysieren, jedoch geschah dies nicht mit der Erkenntnis, „notwendig falsches Bewusstsein“ analysieren zu müssen.
Es konnte sich also eine relativ intakte deutsche Volksgemeinschaft über den NS hinweg retten und die dürftigen Entnazifizierungsversuche konnten dieser nur wenig anhaben.

Deutschland nach `45

Im Rahmen des aufkommenden Blockkonflikts kamen die beiden deutschen Nachfolgestaaten schnell wieder zu politischem Einfluss und von Einschränkungen ihnen gegenüber war schnell nur noch wenig zu bemerken. Der öffentliche Diskurs über die Zeit von 1933-45 war durch totschweigen und leugnen geprägt, bis zum kurzen Auftritt der 68er Generation. Sie diffamierten, zumindest für kurze Zeit, die Tätergeneration und sorgten sich um eine „re-faschisierung“ Deutschlands, um dann jedoch schnell in einen verständnisvollen Tenor zu verfallen. In Bitburg fand im Jahre 1985 das derzeitige „Highlight“ der deutschen „Aufarbeitung der Vergangenheit“ statt:
Auf Druck Helmut Kohls hin besuchte der damalige US-Präsident Reagan mit diesem den Soldatenfriedhof in Bitburg. Da auf diesem unter anderem Tote der Waffen-SS lagen, wurde dies zu einem Spektakel der Gleichsetzung von Tätern und Opfern.
Als dann mit dem Fall der Mauer die letzte Konsequenz der deutschen Aggression nichtig gemacht wurde war es nur noch eine Frage der Zeit bis sich der wiedervereinte Pöbel wider über „Gemeinschaftsfremde“, zwecks rassistischer Projektion, hermachte.
Rostock-Lichtenhagen ist nur ein Beispiel dafür.

Und heute ?

Spätestens seit dem Amtsantritt von rot-grün, also den Alt-68ern machte die postnazistische Volksgemeinschaft einen Wandel durch, der ein neues Kontroversum aufwirft. Heute ist es durchweg gesellschaftlicher Konsens, ein „antifaschistisches“ Selbstverständnis mit der Berufung auf Deutschland und seine Vergangenheit, die ja eben keine ist, zu verbinden und daraus ein neues Deutschlandbild zu formen. Das dieses „neue“ Deutschland jedoch nicht auf tatsächliche Selbstreflexion ausgelegt ist, zeigt sich spätestens bei Großevents wie dem 8.Mai 2005, die zur nationalen Selbstinszenierung, aber auch zur nationalen Selbstentlastung angelegt sind.
So werden im heutigen Deutschland z.B. die Toten des notwendigen Dresdenbombardements gemeinsam mit den in Auschwitz vernichteten Menschen unter Opfer des 2. Weltkriegs geführt und vor der Gefahr des Krieges als solchem gewarnt.
Es ist in Deutschland sehr wohl schick sich gegen Nazis auszusprechen, denn die deutsche Gemeinschaft bildet sich grade aus der Abgrenzung gegen diese und versucht ein Bruch mit dem NS zu vermitteln, welcher nie gänzlich stattfand.
Spätestens die deutsche Reaktion auf den Irak-Krieg zeigte, wie Postnazismus unter dem „Friedenskanzler“ Schröder aussieht: Kategorisch wird jede kriegerische Intervention abgelehnt, vor allem wenn sie von den USA ausgeht und statt dessen wird ein „kritischer Dialog“ gefordert, wie es der deutschen liebster Umgang mit regressiven Kräften ist. Während des kompletten Irak-Konflikts wurden von Schröder und der deutschen Friedensbewegung so ziemlich alle antiamerikanischen und antisemitischen Ressentiments zum Ausdruck gebracht, um die deutsche „Schicksalgemeinschaft“ vom „Staat des Kapitals“ , der USA, abzugrenzen und die eigene angebliche moralische Höherwertigkeit zu suggerieren. Und zu den Friedensbewegten zählte sich wohl die Vielzahl der Deutschen.
Das Antisemitismus und Antiamerikanismus immer noch ständige Komponente von deutschem Auftreten sind, lässt sich vom „Antikapitalismus“ eines Münteferings bis zum Israelbildes eines Ströbele an fast allen Aspekten des öffentlichen Lebens in Deutschland immer wieder erkennen.
Wenn das Bekenntnis zu Deutschland, vor allem auch in Zeiten der WM, selbstverständlich ist, dabei jedoch seine Ideologie fortwest und neue Großmachtbestrebungen, im Rahmen Europas bekundet werden, stellen wir die Forderung nach einer Entnazifizierung neu auf.

Von Deutschland kann und wird nie eine Emanzipation ausgehen und die einzig angemessene Entnazifizierung, welche den Gedanken an Kommunismus überhaupt wider denkbar machen möchte, müsste die endgültige Auflösung Deutschlands zum Ziel haben, denn von Deutschland wird nie viel mehr als Regression ausgehen und ein „Verein freier Menschen“ schon gar nicht.